Musée d'art et d'histoire Fribourg

«Le corps liquide»

Thematische Ausstellung aus der Reihe «CORPUS»

27. November 2026 bis 28. Februar 2027

kuratiert von Caroline Schuster Cordone und Ivan Mariano


Mit der Themen-Reihe CORPUS untersucht das Kunstmuseum Fribourg die Sicht auf den menschlichen Körper im Wandel der Kulturgeschichte. «Le corps liquide» ist die letzte Ausstellung aus dieser Reihe und widmet sich den Darstellungen und Deutungen von Körperflüssigkeiten wie Blut, Tränen, Milch, usw., seit der Antike bis zur Gegenwart. Intime und zugleich universelle Bildsprachen beschreiben unser Verhältnis zwischen Materialität und Transzendenz, Krankheit und Resilienz, Natur und Kultur.


Bild und Gegenbild

 

Auf das Wasser projiziert, erscheinen abwechselnd Videoaufnahmen eines aufmerksam blickenden Auges und das Bild eines schlafenden jungen Mannes in Embryonalhaltung. Ein Videoprojektor wird so platziert, dass diese Bilder von der Wasseroberfläche auf die gegenüberliegende Wand des Raumes exakt gespiegelt und vergrößert werden.

 

Die ständig fallenden Wassertropfen des abschmelzenden Kopfes - erzeugen wie einzelne Regentropfen auf einem See - naturgemäß konzentrisch pulsierende Kreise auf der Wasseroberfläche. Und weil es sich bei der Videoprojektion um ein „Lichtbild“ handelt, erzeugen diese Wellen vielfache Lichtbrechungen und visuelle Amplituden innerhalb der Bildspiegelung. Auf diese Weise entsteht eine eindrückliche, sich ständig verändernde Situation – sowohl auf der Wasseroberfläche, als auch im eigentlichen Video, in die man als Betrachter wie von selbst einbezogen wird.

 

Es sieht so aus, als würde der Blick des Betrachters durch den Gegenblick des großen Auges beantwortet … dem dann der zusammengekauerte Körper des jungen Mannes folgt. Und alles das wird durchdrungen durch die von den Wassertropfen ausgehenden dynamisch konzentrischen Kreise und Schwingungen, um sich schließlich zu einem eindrücklichen Gesamtbild zu verdichten.

 

Die Videoinstallation gehört zu den zentralen Werken des Künstlers. Sie erzählt in ebenso spektakulärer wie poetischer Weise, worum es in seiner Kunst geht: Um den menschlichen Körper in Auflösung, um seine Abhängigkeit von äusseren Kräften, um das Ich im Übergang.


Kairos und Chronos

 

Der Titel nimmt thematisch zwei von den Griechen entdeckte unterschiedliche Zeitvorstellungen auf. Chronos als vergehende, permanent verrinnende, messbare Zeit,

mit der wir Menschen rechnen und im doppelten Sinne „fertig werden“ müssen. Es geht um die Zeit, die wir im Leben zur Verfügung haben, also um Zeit, die uns bleibt. Die Griechen der Archaik personifizierten Chronos als Urgott, der direkt aus dem Chaos hervorgegangen ist. Er schuf letztlich die Welt, wie wir sie kennen, und mit ihr auch unsere Vorstellungen von Zeit und Endlichkeit, denen wir letztlich unterworfen sind.

 

Kairos hingegen verkörpert eine komplett andere Zeitvorstellung. Wir können ihn verstehen als günstigen, idealen Zeitpunkt, zum Beispiel, um eine richtige Entscheidung zu fällen. Es geht dabei um eine Vorstellung von Zeit, die man sich nimmt, wenn der richtige Augenblick erkannt wird – um ihn zu nutzen. Bei den Griechen der Archaik gibt es die «Verkörperung des Kairos» als sehr leichtfüssigen und frechen Jüngling mit einer Stirnlocke und rasiertem Hinterkopf. Daher stammt auch der Ausdruck: «Die Gelegenheit schnell und entschlossen beim Schopfe zu packen».

 

Im Deutschen gibt es auch das dem Griechischen entlehnte Wort „Kairophobie“, welches zutreffend für „Angst vor Entscheidungen“ steht. Kairos gilt auch als jüngster Sohn des Zeus und verkörpert durch seine Jugend und Schönheit eben die besagte Rechtzeitigkeit, den Augenblick, der bald vorbei sein kann.


Aktivierung innerer Bilder / Ein Denkraum der Besonnenheit

 

Frantiček Klossner beschäftigt sich in seinem gesamten Werk mit existenziellen Themen. Es geht um Sozialisation und Individuation. Das menschliche Leben, seine Schönheit, aber auch seine Hinfälligkeit und Vergänglichkeit spielen dabei immer wieder eine zentrale Rolle. Alle diese Themen haben ihre Rückbindung im kollektiven Bildgedächtnis. Und diese Erkenntnis ist gleichsam ein Schlüssel zu Klossners Werk. Die Bilder die er in seinen performativen Installationen kreiert, erhalten ihre Evidenz gerade durch den bewussten Einsatz einer kollektiven Bildsprache.

 

Mit anderen Worten: Klossner ist nicht der alleinige „Erfinder“ dieser Bild-Vorstellungen, sondern ihr bewusster Teilhaber und Interpret. Er nutzt in seiner Arbeit das kulturelle Bildgedächtnis, das bereits seit Tausenden von Jahren existiert … und generiert daraus aktuelle und verbindliche Bilder unserer Gegenwart. Man könnte auch von wirkmächtigen Bildern sprechen, welche im Sinne Aby Warburgs den Betrachter:innen einen Denkraum der Besonnenheit öffnen.


Verlag Scheidegger & Spiess

 

Frantiček - Menschliche Aggregatzustände - Ich schmelze, also bin ich!

 

ISBN 978-3-03942-263-0

Gebunden, 496 Seiten, 322 Abbildungen, 23.5 x 28 cm

 

Texte von Sebastian Baden (Schirn Kunsthalle Frankfurt), Roger Fayet (SIK Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich), Peter Friese (Museum Weserburg Bremen), Carolina Liebling (Musée de la main UNIL-CHUV Lausanne), Norberto Gramaccini (Universität Bern), Rebekka Reinhard (Philosophin München), Caroline Schuster Cordone (Musée d’art et d’histoire MAHF, Fribourg), Rik Reinking (WAI Woods Art Institute Hamburg), Michaela Nolte (Galerie Mönch Berlin), u.a.