ICH NICHT ICH - Das Selbstbild im digitalen Zeitalter

Kunsthaus Zofingen

18. Februar - 2. April 2017

kuratiert von Claudia Waldner

mit Werken von Tizian Baldinger, Jürgen Brodwolf, Niklas Goldbach, Tom Karrer, Franticek Klossner, Oliver Krähenbühl, Manon,

Anuk Miladinović, Victorine Müller, Pat Noser, Andrea Nyffeler, Meret Oppenheim, Steven Schoch, Karoline Schreiber, Hannah Villiger


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«Generation Head Down», Videoinstallation, Franticek Klossner, Projektionsmapping auf antike Büste, Schauspieler: Ben Gageik, Kunsthaus Zofingen, 2017, Foto: Timo Ullmann

Die Ausstellung im Kunsthaus Zofingen fokussiert aktuelle Fragen zur veränderten Selbstwahrnehmung im digitalen Zeitalter. Always Online mit gesenktem Blick, fasziniert vom sozialen Netz, streicheln wir das Fenster zur globalen Ferne weit häufiger als unser Gegenüber. Der mediatisierte gläserne Mensch ist Tatsache geworden, wie es die Philosophen Jean Baudrillard, Paul Virilio oder Vilém Flusser bereits in den 80er Jahren in ihren Thesen formuliert haben. In fortwährender Rückkopplung wird das Abbild das wir von uns aussenden als Marktanalyse auf uns zurückgeworfen. Die Spuren der Selbstfindung bleiben unauslöschlich im digitalen Gedächtnis eingebrannt. Die stetige Vergegenwärtigung der eigenen Existenz durchdringt den gesamten Körper. Aus der Handfläche, aus der sich andere Generationen die Zukunft haben lesen lassen, spricht das Smartphone zu uns. In x-facher Zersplitterung versucht das "Ich" sein "Selbst" zu finden und stellt sich täglich die Frage aus Richard David Prechts Bestseller: Wer bin ich ? ...und wenn ja, wie viele ?


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«Generation Head Down», Fünf griechische "Gottheiten" im Gespräch zum digitalen Zeitalter, Videoinstallation, Frantiček Klossner, Kunsthaus Zofingen, 2017, Foto: Timo Ullmann

Der Begriff der «Generation Head Down» leitet sich von der Körperhaltung ab, mit der viele Menschen im Alltag unterwegs sind. Ihr Blick und damit ihre Aufmerksamkeit ist auf ihr Smartphone gerichtet. Zur Ausstellung «Ich nicht Ich / Das Selbstbild im digitalen Zeitalter», präsentiert Frantiček Klossner eine Videoinstallation, die das kollektive Selbstverständnis dieser Generation in humorvoll sinnlicher Weise thematisiert. Dazu hat er fünf prominente Gäste zu einem unkonventionellen Meeting in den Festsaal des Kunsthauses eingeladen: Athene, die Schutzgöttin der Künste, Artemis, die wilde, unzähmbare Göttin des Mondes, Niobe, die klagende Königin von Theben, der römische Kaiser Claudius und der Götterbote Hermes, der griechische Gott der Redekunst und des Kunsthandels, haben sich im Saal versammelt und reden unentwegt in ihre Smartphones. Die Büsten (Leihgaben der Antikensammlung der Universität Bern) werden durch Projektionsmapping mit Videoperformances von Schauspielerinnen und Schauspielern zum Leben erweckt. Frantiček Klossner hat diese Technik bereits 1996 in seiner Werkreihe "Herstory and History" angewendet und seither weiterentwickelt. Zwischen den historischen Bildträgern und den darauf projizierten Bildern der Gegenwart, entsteht ein spannungsvolles Spiel von Überlagerungen, Deckungsgleichheiten und Ungleichheiten, Abweichungen und Verschiebungen. Die Gesichter treten "aus sich heraus" und ziehen sich „in sich“ zurück, sie ruhen "bei sich" und geraten "ausser sich". Das Stimmengewirr, das von den sprechenden Büsten ausgeht, liefert ein prägnantes Sinnbild für die vernetzte Kommunikationsgesellschaft und die scheinbar nie abreissende Verfügbarkeit des Individuums im digitalen Zeitalter. In Klossners Textcollagen plaudern die fünf Protagonisten unablässig von "sich selbst in ihrer Welt", von einem vagen „Ich-Gefühl“ und von einem „Selbst“ das sich unentwegt zu optimieren versucht. Alle reden "mit sich selbst" und "von sich selbst", gleichzeitig nebeneinander und aneinander vorbei. Damit entwirft der Künstler ein äusserst listiges Bild der Generation Head Down.


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«Generation Head Down», Frantiček Klossner, Kunsthaus Zofingen, 2017, Mitwirkende / Darsteller*innen: Eva Marianne Berger, Gianmaria Fedele, Thimna Fink, Ben Gageik, Malte Homfeldt, Silvia-Maria Jung, Kamera: Tom Bernhard, Technik: Marc-André Gasser

ICH NICHT ICH - Das Selbstbild im digitalen Zeitalter

Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zofingen, 2017

mit Texten von Alice Henkes, Frantiček Klossner und Claudia Waldner

 

 



Kunsthaus Zofingen - Sammlung Carola und Günther Ketterer Ertle - Meret Oppenheim - Franticek Klossner - X Ray Self Portrait
ebenfalls in der Ausstellung vertreten: Selbstportraits in Röntgendurchleuchtung von Meret Oppenheim und Franticek Klossner aus der Sammlung von Carola und Günther Ketterer Ertle

 

Das Skelett eines menschlichen Schädels, das sich lebhaft bewegt und uns aus seinen knochigen Augenhöhlen anschaut, wirkt beängstigend und irritierend. Leibhaftig ein Totenschädel, lebendig? Das unkonventionelle Selbstportrait in Röntgendurchleuchtung ist in die klassisch anmutende Form eines Medaillons gefasst und verweist damit auf die Bildcharakteristik von Trauerschmuck aus den Nachkriegsjahren. Doch Frantiček Klossners Videoperformance ist ein Memento mori voller Selbstironie und spürbarer Lust am künstlerischen Experiment mit bildgebenden Medien aus der Medizin. Die beklemmenden Assoziationen werden deutlich kontrastiert von hintersinnigem Schalk und schwarzem Humor. Der Tod scheint uns sagen zu wollen, dass das Leben nach dem Tod genauso sinnlich und skurril sein wird, wie unsere widersprüchliche Existenz in jener Zeit, die wir Gegenwart nennen. (Text: Léonard Cuènoud, Hess Collection, Katalogtext, 2000)

 


Kunsthaus Zofingen - Franticek Klossner - Kunst Humor Satire - Müslüm liest Märchen für Künstler und Kuratoren
ebenfalls in der Ausstellung im Kunsthaus Zofingen vertreten: «Das Märchen von der Authentizität», Müslüm liest Franticek's «Märchen zur Kunst der Gegenwart»

Franticek Klossner gelingt es immer wieder, über poetische Bilder politische Themen zu verhandeln. In seinen Märchen, die er in einem Video vom bekannten Schweizer Comedian Müslüm lesen lässt, durchleuchtet er die Mechanismen der Kunstwelt. Mit entlarvend frechem Schalk knackt er die Attitüdenpanzer von Künstlern, Kritikern und Kuratoren und zeigt so, dass es ihm, wie jedem, der Satire mit Bedacht betreibt, sehr ernst ist mit der Kunst. (Alice Henkes, Kunstbulletin, April 2013)