Hinterfragte Männlichkeit: Neue Mannsbilder in der Kunst

Kunstmuseum Bern

18. Okt. 2013 - 09. Febr. 2014

Die von Dr. Kathleen Bühler kuratierte Ausstellung ist ein Beitrag zur Diskussion über neue Rollendefinitionen des männlichen Geschlechts. Wer oder was macht einen Mann aus? Wie definieren sich Männer in der Kunst seit dem Feminismus, wie reflektieren sie über ihr Geschlecht und dessen Darstellung? Während der bevorzugte Blickwinkel bei der Beschäftigung mit weiblichen Künstlern auch heute noch über das "Geschlecht" erfolgt, ist dies für die Betrachtung männlicher Künstler immer noch ein neuer Blickwinkel. Und da sich die feministische Kunst endlich in den großen Institutionen etabliert hat, ist es an der Zeit, die Kunst, die von Männern über Männer produziert wird, näher zu betrachten. Sowohl die sexuelle Revolution als auch die Frauen- und Schwulenbewegung hatten nicht nur eine Seite: Sie beeinflussten auch die Rolle des Mannes und veränderten das Bild der Männlichkeit. Die Ausstellung geht daher der Frage nach, wie zeitgenössische westliche Künstler beiderlei Geschlechts seit den 1960er Jahren neue Männlichkeitsvorstellungen erfunden oder bestehende erschüttert haben.


Die Ausstellung umfasst Werke von Vito Acconci, Bas Jan Ader, Luc Andrié, Lynda Benglis, Luciano Castelli, Martin Disler, Valie Export & Peter Weibel, Gelitin, Pascal Häusermann, Alexis Hunter, Cathy Joritz, Jesper Just, Jürgen Klauke, Frantiček Klossner, Elke Silvia Krystufek, Marie-Jo Lafontaine, Peter Land, Littlewhitehead, Sarah Lucas, Urs Lüthi, Manon, Paul McCarthy, Tracey Moffatt, Josef Felix Müller, Ursula Palla, Adrian Piper, Anne-Julie Raccoursier, Ugo Rondinone, Carole Roussopoulos, Rico Scagliola & Michael Meier, Sylvia Sleigh, Nedko Solakov, Megan Francis Sullivan, Sam Taylor-Johnson, Costa Vece, William Wegman, Silvie Zürcher


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«Auf dem Wickeltisch der Kunstgeschichte», Franticek Klossner, 1996, Fotografie aus der Serie: «His- & Herstory», Sammlung des Kunstmuseums Bern

Franticek Klossner arbeitet hauptsächlich in den Bereichen Videokunst und Performance. Seine fotografische Serie «His- & Herstory» (1996) nimmt als einmalig gebliebener Fotoroman in seinem Werk eine Sonderstellung ein. Die quadratischen, vergrösserten, schwarz-weissen Fotografien zeigen ihn nackt im Zweigespräch mit den griechischen und römischen Skulpturen der Antikensammlung Bern sowie an öffentlichen oder geheimen Plätzen in der Stadt Rom und in Ostia. Der Künstler hatte sich nach einem zweijährigen Stipendienaufenthalt am Schweizerischen Institut in der Stadt Rom niedergelassen, wo er bis ins Jahr 2000 tätig blieb. Die Fotoserie entstand zeitgleich zu seinen vielbeachteten Videoinstallationen mit «Sprechenden Büsten». In einer Strassenbefragung hatte er Passantinnen und Passanten zu ihren «Ersten Kunsterfahrungen» befragt. Als Videomapping auf die antiken Büsten projiziert, resultierte aus ihren Erzählungen ein äusserst poetischer Diskurs zur Gegenwartskunst, zwischen Hermes von Olympia und Apoll von Belvedere.

Auf einer weiteren Ebene waren diese Videoinstallationen aber auch eine listenreiche Antwort des Videopioniers auf die damalige Polemik, welche die Medienkunst gegenüber der Malerei und der Bildhauerei mit der Begründung abwertete, dass es bei Videobändern kein Original, sondern nur Kopien gäbe. Dieser konservativen Haltung stellt sich Franticek Klossner in lustvoll körperlicher Weise entgegen und beweist mit seinen Aktionen, dass auch die heren Skulpturen in den Antikensammlungen lediglich Gipskopien sind und letztlich nur sein eigener nackter Körper ein Original ist

So rebelliert der Performance- und Medienkünstler einerseits gegen den konventionellen Kunstbegriff der 1980er und 1990er Jahre, andererseits provozierte er das bürgerliche Kunstempfinden, indem er die berühmten Werke der griechischen Antike (wie den Apollo aus dem Belvedere, den Diskuswerfer von Myron oder den barberischen Satyr) unbekümmert als Performancepartner einbezog und mit Requisiten wie einer aufblasbaren Gummipuppe oder dem Gipsabdruck der rechten Brust von Pipilotti Rist bespielte. Damit signalisiert der Künstler seine Nähe zur Gender-Thematik, die er in seinem Werk immer wieder stark einbezieht. In poetischer und oft fast zurückhaltender Weise regen seine Werke immer wieder dazu an, das eigene Denken zu überprüfen und Geschlechternormen und Geschlechtsidentität zu hinterfragen. Seine Denkanstösse sind nicht aufdringlich sondern listenreich und verführerisch. Sie lassen dem Publikum genügend Zeit und verführen es zur Hinterfragung innerer Bilder. Gerade deshalb ist seine fotografische Werkserie für die von Kathleen Bühler kuratierte Ausstellung zur «Hinterfragung von Männlichkeit» im Kunstmuseum Bern von besonderem Interesse. Kulturelle Vielfalt, sozialer Wandel und die Auseinandersetzung mit alten und neuen Vorstellungen von Männlichkeit sind untrennbar mit Franticek’s Werk verbunden. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich im Antikenmuseum seiner Kleider entledigt und sich neckisch und mit viel Humor dem Konzept der «Kalokagathia», dem griechischen Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit entgegenstellt und leise murmelt: «kalòs kaì agathós»


Franticek Klossner - Kunstmuseum Bern - Neue Männerbilder in der europäischen Gegenwartskunst
«Wenn man seinen Kopf verliert, wird man oft dadurch belohnt, ihn an einem völlig unerwarteten Ort in der Kunstgeschichte wiederzufinden», Franticek Klossner, 1996, Fotografie aus dem Werkzyklus «His- & Herstory», Sammlung des Kunstmuseums Bern

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Ein schweigendes Statement am Todesort von Pier Paolo Pasolini in Ostia bei Rom, 1997, Performance von Franticek Klossner fotografiert von Gian Paolo Minelli

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«In einem zärtlichen Dialog mit der Kulturgeschichte der Stadt Rom», Performance von Franticek Klossner im Park der 229 Büsten, Monte Pincio, Rom, 1997, Foto: Gian Paolo Minelli

Frantiček Klossner