Kunsthalle Osnabrueck- Installation - Performance - Der menschliche Körper in der Kunst der Gegenwart

The human body in contemporary art


Kunsthalle Osnabrück

in Kooperation mit der Sammlung Reinking Hamburg

18. Juni - 18. September 2011

 

mit Werken von Hermine Anthoine, Vanessa Beecroft, John von Bergen, John Bock, Baldur Burwitz, Heinrich Brummack, Wim Delvoye, Birgit Dieker, Brad Downey, Johannes Esper, Günther Förg, Gregor Gaida, Till F. E. Haupt, Damien Hirst, Franticek Klossner, Clemens Krauss, Sherrie Levine, Grayson Perry, Marc Quinn, Deborah Sengl, Daniel Spoerri, Haim Steinbach, Yukiko Terada, Nicola Torke, Andy Warhol, Pae White, Erwin Wurm, Herbert Zangs, kuratiert von André Lindhorst, Christel Schulte, Rik Reinking



Franticek Klossner - Frozen Self Portraits - Kunsthalle Osnabrück - The human body in contemporary art - Frantiček
Hidden Assets, Frantiček Klossner, Frozen Self Portraits, Kunsthalle Osnabrück, 2011

Der Atem des Betrachters

Wie ein mächtiger weisser Sarkophag dominiert die Tiefkühlzelle den Ausstellungsraum. Im Innern des rätselhaften „White Cube“ erwartet uns eine eisige „Black Box“. Im fahlen Licht einer Glühlampe lagert der Künstler eine Vielzahl gefrorener Selbstportraits, in Eis gegossen von Negativformen aus den Jahren 1990 bis 2011. Die Szenerie, bei einer Temperatur von Minus 20 Grad Celsius, wirkt wie ein klinisches Experiment. Auf Metallregalen sind die kristallinen luziden Köpfe des Künstlers frontal aufgereiht. Jedes Portrait ist durch den Gefrierprozess anders ausgeformt. Aufgeborsten, gespalten oder als perfektes Abbild widerspiegeln sie die gesamte Palette von Deformation und Formveränderung. Die fragile physikalische Präsenz wird zum Sinnbild menschlicher Konditionen. Konfrontiert mit diesen „gefrorenen Ichs“ denken wir unwillkürlich an Richard David Prechts Bestseller „Wer bin ich - und wenn ja wie viele?“. Klossners eisige Installation besticht durch ihre raffinierte Dramaturgie und die skulptural konsequente Umsetzung. In der Kälte des Kühlraums, umgeben von den gefrorenen Gegenübern, wird die Begegnung mit Kunst in einer sehr direkten und einzigartigen Form erlebt. Denn das Werk wird nicht nur visuell und akustisch wahrgenommen, es dringt unmerklich in uns ein... wir atmen das Werk ein und hinterlassen beim Ausatmen, durch unsere erwärmte Atemluft, einen stetig wachsenden Raureif auf den gefrorenen Portraits. Wie ein feiner Pelz legt sich der Atem des Betrachters auf das Werk. Der performative Kunst-Transfer überträgt sich von den Köpfen des Künstlers in die Köpfe des Publikums und umgekehrt, durch sämtliche Sinne. - Katalogtext, Mechthild Zawadynski, Kunsthalle Osnabrück, 2011


Osnabrück Kunsthalle - Sammlung Reinking

Bodies

Kunst Körperlich

Körper Künstlich

Herausgeber: Kunsthalle Osnabrück

ISBN 978-3-89946-162-6

 

mit Textbeiträgen von Birgit Dieker, Martin Kramer, André Lindhorst, Dirk Manzke, Carolin Oetzel, Christel Schulte, Rik Reinking, Mechthild Zawadynski sowie umfangreichem Bildmaterial der ausgestellten Werke von Hermine Anthoine, Vanessa Beecroft, John von Bergen, John Bock, Baldur Burwitz, Heinrich Brummack, Wim Delvoye, Birgit Dieker, Brad Downey, Johannes Esper, Günther Förg, Gregor Gaida, Till F. E. Haupt, Damien Hirst, Franticek Klossner, Clemens Krauss, Sherrie Levine, Grayson Perry, Marc Quinn, Deborah Sengl, Daniel Spoerri, Haim Steinbach, Yukiko Terada, Nicola Torke, Andy Warhol, Pae White, Erwin Wurm, Herbert Zangs



Franticek Klossner - Kunsthalle Osnabrück - Sammlung Reinking - Hamburg - Deutschland - Der menschliche Körper in der Kunst der Gegenwart - Frantiček
Stille Reserven, Franticek Klossner, Gefrorene Selbstportraits in Kühlraum, Kunsthalle Osnabrück, Sammlung Reinking, 2011

Kunsthalle Osnabrück - Der menschliche Körper in der zeitgenössischen Kunst - Franticek Klossner - Frozen Self Portrait - Gefrorenes Selbstportrait in Eis
Kunsthalle Osnabrück, Sammlung Reinking, Der menschliche Körper in der Gegenwartskunst, 2011

Kunstmuseum Bern Gegenwart

Kunstmuseum Bern - Eiszeit


Gegenwartskunst aus Berner Sammlungen

21. Juli bis 1. Oktober 2000

 

kuratiert von Dr. Ralf Beil und Dr. Marc Fehlmann

mit Werken von Ian Anüll, Herbert Brandl, Hans Danuser, Fischli/Weiss, Joseph Grigely, Thomas Hirschhorn, Franticek Klossner, Christian Marclay, Inigo Manglano-Ovalle, Roman Signer, Luc Tuymans

 

Katalog zur Ausstellung

ISBN 3-906628-29-9

 



Todesstarre und multiples Leben

Dr. Ralf Beil, Katalogtext, Kunstmuseum Bern, 2000

 

Nebst der surrealen Atmosphäre eignet Franticek Klossners begehbarer Tiefkühlzelle mit Metallregalen voller gefrorener Selbstportraits auch eine makabre Note. Da wo sonst ganz profan Lebensmittel gekühlt werden, bleiben nun Menschenhäupter frisch, hart und eisig. Auf den ersten Blick scheint es, als seinen hier die führenden Köpfe des Kältekults der Moderne – Nietzsche, Jünger, Benn um nur einige zu nennen – ironisch eingelagert in Erwartung besserer Zeiten und tieferer Aussentemperaturen. Doch es sind Selbstportraits des Künstlers, die da aufgereiht sind, die eine Hälfte aus einer Gussform von 1990, die andere vom Jahr 2000. Hidden Assets stellt mit seinem riesigen Vorrat nicht nur den Höhepunkt einer zehnjährigen Beschäftigung Klossners mit dem gefrorenen und schmelzenden Selbstbildnis dar. Die Arbeit steigert neben der Schönheit des Vergänglichen vor allem die Hybris des Überdauerns. Die mit Rauhreif belegten Abgüsse wirken wie ein Heer von Totenmasken. Komplex pendeln Klossners Köpfe zwischen Todesstarre und multiplem Leben. In ihrem massiv seriellen Charakter evoziert die Installation auch Experimente mit geklonten Identitäten und stellt sie in jener realen Eiseskälte aus, in denen dieses Leben unterhalb des Eispunktes für spätere Generationen oder weitere Versuche aufbewahrt wird.


Stille Reserven

Dr. Marc Fehlmann, Katalogtext, Kunstmuseum Bern, 2000

 

Hidden Assets ist die Aktivierung einer stets präsenten Idee in Klossners Schaffen. Mit der Realisierung dieser Installation gibt der Künstler Einblick in einen über zehn Jahre gewachsenen Prozess. Hidden Assets repräsentiert Reserven von Klossners Gedankengut in eingefrorenem Zustand und damit in seiner konsequentesten Form. Dabei hat alles mit einem Zufall begonnen, als Klossner im Winter 1983 Scherenschnitte in Einmachgläser abgefüllt hatte und diese im ungeheizten Atelier eingefroren sind. Daraus entwickelte er die ersten skulpturalen Arbeiten aus gefrorenem Wasser, die als Hybride zwischen Performance und Installation still vor sich hinschmolzen. In der Folge ermöglichte ihm ein Atelier-Stipendium einen Aufenthalt in New York, wo er in der Performanceszene Diamanda Galás begegnete, die sein Pendel zwischen Morbidem und Lebensfreude heftig ausschlagen liess, während die Papierstapel und Bonboninstallationen von Felix Gonzalez-Torres (1957-1996) sein Bewusstsein für die Vergänglichkeit schärften. Die Konfrontation mit New York und den amerikanischen Superlativen weckte in Klossner auch den Mut zu figürlichen Arbeiten, denn Künstler wie Jeff Koons beeindruckten ihn mit ihrer Mischung aus Kitsch, Ironie und Sex. Und so begann er als Reaktion auf die New Yorker Eindrücke mit der intensiven Selbstbefragung und wählte als Thema seinen eigenen Kopf, denn dieser ist für ihn als „Pars pro toto“ die zentrale menschliche Form. Erste Abgüsse aus gefrorenem Wasser von Klossners eigenem Kopf entstanden 1990, also etwa gleichzeitig wie „Self“ von Marc Quinn und ein Jahr nach Bruce Naumanns erster Basler Präsentation der Kopfobjekte aus Wachs. In der Folge tauchten Klossners schmelzende Selbstportraits in zahlreichen Ausstellungen und Performances immer wieder in neuen Variationen auf und prägten seinen Ruf. Hidden Assets ist Klossners erste Arbeit, in der seine gefrorenen Köpfe nicht schmelzen. Ihre Lagerung und serielle Aufreihung stellt einerseits die Verfügbarkeit von Ideen dar, andererseits scheint sie eine klassische Strategie der amerikanischen Nachkriegskunst zu verfolgen. Sie ist aber auf Klossners Eindrücke in den Katakomben von Rom und insbesondere auf die « macchine anatomiche » in der Capella Sansevero in Neapel zurückzuführen. Die Verbindung mit dem Portrait peilt jenen Symbolcharakter an, der mit der indirekten Anwesenheit von Vergangenem – den Abgüssen von gelebtem Leben – und dessen Andenken spielt. Die Archivierung der Köpfe als Hort von Ideen, eben Klossners „Assets“, demonstriert die Konzentration vor der Auflösung, während die aus dem festgefrorenen Zustand leicht in den flüssigen überführbaren Köpfe als Zeit- und Vergänglichkeitsmetaphern auf ein Memento Mori hinweisen. So erreicht Klossner mit den seriell angeordneten Eisköpfen im Licht des Raumes eine suggestive Atmosphäre und eine geheimnisvolle, sakrale Präsenz an der magischen Grenze zwischen Vergessen und Erinnern.


Kunsthalle Osnabrück - Sammlung Reinking - Performative Kunst - Installation

Der menschliche Körper in der kunst der Gegenwart

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Franticek Klossner