Frantiček Klossner / Melting Selves

Ausgehend von der Ausstellung Existenzielle Bildwelten des Hamburger Kunstsammlers Rik Reinking im Museum für moderne Kunst Weserburg in Bremen (2014-2015) führte Christine Breyhan das nachfolgende Künstlergespräch mit Frantiček Klossner. Das Gespäch wurde publiziert im Kunstforum International, Band 228, 2014.


Christine Breyhan: Frantiček Klossner seit 1990 schaffen Sie Eis-Büsten mit ihrem Porträt: Melting Selves, Infinite Performance. An verschiedenen Orten präsentiert, kopfüber aufgehängt kann man dann den unaufhaltbaren Prozess des Abschmelzens verfolgen. Es sind Übergangprodukte: Abschmelzen, Gefrieren, Abschmelzen usw. Sind Sie eine Art Sisyphos auf der Suche nach der zerrinnenden Zeit?

 

Frantiček Klossner: Der Begriff Infinite Performance umschreibt meine Arbeitsweise sehr treffend, weil sich meine vergänglichen Werke ja nicht bloss im Moment des „Ausgestelltseins“ also als „Objekt“ manifestieren, sondern sich bereits durch die Erarbeitung und durch die Planung von den anderen hier ausgestellten Werken unterscheiden... Wenn ich meine Körper einfriere, dann ist dies vergleichbar mit einem Akteur, der sich auf seine Performance vorbereitet... Es ist also nicht bloss die VERRINNENDE ZEIT, die mich an diesen „Melting Selves“ interessiert,... es ist genauso die AUFBAUENDE ZEIT DES WERDENS, des „Sich konzentrierens“ und „Herauskristallisierens“...! Das Verschwinden ist der Weg des Sichtbarmachens! Etwas in eine sehr bestimmte Form zu bringen mit dem Ziel, dass sich diese Form gleich wieder verändert. Ich würde es daher nicht als Sisyphos bezeichnen. Ganz im Gegenteil: Ich wünsche mir, dass diese prozessorientierte Haltung auch in anderen Disziplinen erkannt wird. Beispielsweise in der Wirtschaft, im Bankenwesen, in der Energiepolitik. Was lange Zeit als Fortschritt verkauft wurde, das ist der tatsächliche zivilisatorische Sisyphos! Ein Entwicklungs-Unsinn, dem sich unsere Gesellschaft noch viel stärker bewusst werden muss. Ich sehe daher meine „Infinite Performance“, die immer wiederkehrende Abschmelzung und Einfrierung meines Körpers, auch als ein konstantes Ritual um solche Gedanken sichtbar zu machen.

 

CB: Ihr perfektes Eis-Abbild ist nur kurze Zeit zu sehen. Im „Treibhaus Museum“ vollzieht sich der Schmelzvorgang vor wechselndem Publikum. Kaum jemand wird die Transformation bis zum letzten Eisklümpchen verfolgen können. Irritation und Verwirrung?

 

FK: Vielleicht sind meine vergänglichen Werke gerade deshalb eine wunderbare Metapher für die „menschlichen Aggregatzustände“, für die menschlichen Individualisierungsprozesse. Niemand kann wirklich sämtliche Phasen mitverfolgen. Damit ist meine Kunst sehr nahe am Leben. Ein Individuum entwickelt sich in biografischen Mäandern. Der Lebensfluss ist nur selten als Ganzes zu beobachten. Wir sehen unsere besten Freunde zwar vielleicht oft, aber wie sie sich in ihrer Entwicklung innerlich verändern, das erkennen wir oft nur, wenn wir sie lange NICHT gesehen haben....

Darum gefällt mir auch der Begriff „Treibhaus Museum“... Es ist ja tatsächlich so, dass die Museen das Denken „antreiben“ und dem Menschen dabei helfen, sich selbst kennenzulernen um die eigene Gegenwart und Vergangenheit zu verstehen und sich somit einer kreativen Zukunft hinwenden können. Im „Treibhaus“ werden Initialzellen in ihrem Wachstum angeregt. Irritation und Verwirrung gehören da wie selbstverständilich dazu.

 

CB: Ist das eine Aufforderung zur Selbstbeobachtung, eine Aufforderung die Wahrnehmungsvorstellung im Gegensatz zur aktuellen Wahrnehmung in die Zukunft zu projizieren?

 

FK: Ja, dieser Gedanke ist mir äusserst wichtig! Die „Meltung Selves“ sind für mich persönlich eine andauernde Aufforderung zur Selbstbeobachtung, zur Hinterfragung des eigenen Ichs! Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sind zwei ganz zentrale Themen in der Gegenwartskunst. Dass dies so stark in meiner Kunst aufscheint, steht sicherlich in einem gewissen Zusammenhang mit meiner langjährigen Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen: Die Fähigkeiten „Sich selbst ehrlich und kritisch wahrzunehmen“ und seine Beobachtungen in die eigene Entwicklung „einbringen zu können“, sich also „entsprechend der geschärften Wahrnehmung zu verändern“, gehört zu den Grundlagen einer künstlerischen Ausbildung. Dieses Training der Selbstwahrnehmung ist ein äusserst fragiler pädagogischer Prozess, dem ich im Rahmen meiner Lehrtätigkeit grosses Gewicht beimesse. So ist es nicht erstaunlich, dass solche Gedanken auch in meine prozesshafte Kunst einfliessen.

 

CB: Anders als eine Skulptur aus Bronze oder Stein verliert dieses Kunstwerk seine Form und löst sich auf. Spiegelt diese Unbeständigkeit die Hinfälligkeit der conditio humana wider? Sie passen die Abgussform Ihrer jeweiligen Veränderung an.

 

FK: Die Vergänglichkeit spiegelt viele Aspekte der conditio humana. Mich interessieren eher die Interdependenzen, die Bedingungen in die ein Mensch geboren wird, die Entwicklungsschritte eines Lebens, die Chancen und die nicht existierende Chancengleichheit. Also die fragilen Aspekte des Menschseins. Nicht die Sicherheit, Beständigkeit oder die bereits gesicherten Werte. Indem ich meinen „Körper“ schmelzen lasse, setzte ich etwas in Gang was sehr eng mit dem menschlichen LebensgefühlDenken verknüpft ist. Es hat mit Loslassen zu tun und mit einer gewissen Lockerheit gegenüber seiner eigenen Existenz. Man könnte es auch mit dem Roman-Titel von Milan Kundera umschreiben: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Wie in Kunderas Roman trifft man auch bei meinen Werken auf die Idee der „ewigen Wiederkehr“ wie sie Nietzsche formuliert hat. Auflösung und Erneuerung sozusagen als Schlüssel zur inneren Entwicklung.

 

CB: Nietzsche bezeichnet das Konzept der „ewigen Wiederkehr“ als bipolar. Es kann auf gegensätzliche Weise erlebt werden „als Innbegriff der Sinnlosigkeit oder umgekehrt als Sinnbild einer Art immanenter, in jedem Augenblick erfüllter Ewigkeit“. Sie stimmen also der letzten Auslegung zu?

 

FK: Diese letztere Auslegung liegt mir als Romantiker der Gegenwartskunst natürlich näher. Ich erhoffe mir zumindest solche Assoziationen zu meiner Kunst. Aber auch die immer wiederkehrende Frage der Sinnlosigkeit steht dabei als Antrieb im Zentrum. Was sinnVOLL und was sinnLOS ist, unterliegt ja sehr stark den jeweiligen Modeströmungen unserer Gesellschaft. Das Federgeld vom Santa-Cruz-Archipel der Salomoninseln, das hier gleich neben meiner Installation in der Sammlung Reinking gezeigt wird, ist ein sehr taktiler Link zu solchen Hinterfragungen.

 

CB: Die Prozessualität eines zeitlichen Ablaufs wird sinnlich erfahrbar. Lässt sich ein Abschnitt Ihrer Lebenszeit an den jeweiligen Erscheinungsformen des Kunstwerks ablesen?

 

FK: Obwohl es sich bei den Kopf- und Körperformen um mein eigenes Abbild handelt, stand meine Person nie im Zentrum dieser Arbeit. Mein Portrait oder mein Körper standen meiner Kunst einfach bloss Modell. Sozusagen als Material, das mir immer und jederzeit zur Verfügung stand. Das Konterfei ist aber ein sehr gültiges und äusserst klar dekodierbares Symbol in unserer westlichen Kultur, mit vielen allgemeingültigen Bedeutungen. Das Profil auf Münzen, die mobile Büste auf römischen Kriegszügen, die Portraitmalerei an europäischen Königshäusern. Wenn nun also eine Portraitbüste schmilzt, dann liegt darin eine ganze kulturhistorische Assoziationskette. Darum erweist sich die Büste als geeignete Form um zivilisatorische und kulturpolitische Themen anzusprechen.

 

CB: Die Beobachtung - unabhängig vom Willen des Künstlers – wie bei der Skulptur zuerst die Nase transparent wird, wie die konturierten Züge verwischen und sich dunkle Flecken auf dem Oberkörper zeigen, wie die Pfütze unter der Büste sich in kurzer Zeit vergrößert, hat etwas Gleichnishaftes. Man kann es auch als bedrohlich empfinden.

 

FK: Ich empfinde es eher als lustvoll. Wenn ich mich öffentlich schmelzen sehe, dann hat es auch immer einen gewissen intimen und sexuellen Aspekt. Wie die verschiedenen Aggregatzustände aufeinader folgen, vom explosiv knisternden und knackenden Körper bei Minus 30 Grad, über die Raureifbildung in der warmen Museumsluft. Die pelzig zarte Körperbehaarung, die meinem Werk mit dem Raureif wächst, ist vergleichbar mit Vermix caseosa, die Fingerspuren der Berührungen vom Publikum, die Fleckenbildung und Farbveränderung beim Abschmelzen und die kristalline Transluzenz des eigenen Körpers,... dies alles empfinde ich als hocherotisch... (lacht) ...Hingabe und Auflösung sind äusserst sinnliche Momente, die das Werk auch sexuell aufladen.

 

CB: Verschmelzen, Dahinschmelzen, Grenzüberschreitung: Foucault bezeichnet Sex als „Universalschlüssel für Selbsterkenntnis und Selbsthermeneutik“.

 

FK: Ja... der Herr Foucault hat es immer sehr treffend erkannt... (lacht...) ... Als Idealist bin ich auch der Auffassung, dass das Verstehen und die Selbsterkenntnis immer in etwas Unmittelbarem beginnen, in einer unausweichlichen intuitiven Energie, die dem bewussten Denken weit vorauseilt. Sex und Ekstase sind für mich daher sehr eng mit Kunstschaffen, resp. Kunsterleben verwandt. (Klaus Theweleit war allerdings in meiner Jugend mit seinen „Männerphantasien“ eine weit klarere Inspiration und Herausforderung zur Selbsthinterfragung als Foucault.)

 

CB: Was macht es mit Ihnen, wenn sich Ihr „Kunst-Selbst“ konturlos-amorph in einen wässrigen Rest auflöst?

 

FK: Sein „Gesicht zu verlieren“ hat irgendwie immer auch mit Ehrlichkeit zu tun. Es gibt nichts schlimmeres als Politiker und Wirtschaftsbosse, die nur darauf bedacht sind, keinesfalls ihr „Gesicht zu verlieren“. Ich verliere mein Gesicht seit 1990 regelmässig in ganz Europa. Und gewinne dabei immer wieder ein Neues. Im Prozess des Abschmelzens durchläuft mein Abbild sämtliche Formsprachen der Skulpturgeschichte. Von der realistisch figurativen Büste über die verschiedenen Schritte der Abstraktion bis zu seiner vollständigen Auflösung. Die Dekonstruktion und Rekonstruktion des Subjekts steht im Mittelpunkt des Werks. Ich muss gestehen, dass ich in meiner Jugend ein riesiger Fan war vom irischen Maler Francis Bacon. Wenn ich nun jeweils meinen Körper betrachte, wie er sich in einer Ausstellung auflöst, dann denke ich oft in ganz besonders dankbarer Weise an die ersten Begegnungen mit Bacons Malerei und was sie mit meinem damaligen Kunstverständnis angestellt hat.

 

CB: Gleichzeitig gibt es diesen Erneuerungs-Aspekt: „Infinite“ – unendlich, körperhaft gleich sterblich, körperlos gleich unsterblich. Ist es die Idee „der Selbstüberschreitung des seiner Endlichkeit bewussten Menschen auf das absolut Unendliche hin“ (Leibniz)?

 

FK: Selbstüberschreitung gefällt mir sehr in diesem Zusammenhang. Die aktuelle Ausstellung hier in der Weserburg heisst ja „Existenzielle Bildwelten“. Nicht nur mein Werk beinhaltet diese Ideen der Selbstüberschreitung, des sich „seiner Endlichkeit bewussten Menschen“. Das Körperhafte das sich seiner Körperlichkeit entledigt und sich anderen Sphären zuwendet ist hier in der Ausstellung allgegenwärtig. Auch der intensive Dialog zwischen Kultobjekten aus Ozeanien und den Werken der europäischen Gegenwartskunst beflügelt solche Gedankenspiele hier in der Sammlung Reinking. À propos Leibniz... Er würde sicherlich am liebsten tagelang durch diese Ausstellung wandeln und in der Weserburg übernachten! Die hier präsente Transdisziplinarität würde dem universellen Denker gefallen...

 

CB: Wörter wie Alchemie und Laboratorium werden in Zusammenhang mit ihren Arbeiten genannt. Arte e scienza, Kunst und Wissenschaft bilden seit der Renaissance ein Paar. Künstler experimentieren gern mit ungewöhnlichen Materialien: z. B.: Butter, Schokolade, Zucker, Schimmel usw. Welche Rolle spielt der Forscher in Ihnen?

 

FK: Der Forscher in mir ist unersättlich... Ich kanns nicht lassen... (lacht)... überall und immer wieder, muss ich sämtliche Medien forschend auf ihr künstlerisches Potenzial ausloten. So hatte ich bei einem kürzlichen Spitalaufenthalt den Anästhesisten gebeten, unter Narkose ein paar künstlerische Experimente durchzuführen. Das war sehr lustig im Aufwachraum nach der Operation. Es gibt diesen sonderbaren Dämmerzustand, wo wir zwar ansprechbar sind und der Körper auch bereits wieder reagiert, aber der Thalamus arbeitet noch nicht ganz klar. In diesem Zustand hat mich der Anästhesist wie beim Aufwachen üblich befragt, aber er hat mich meine Antworten gemäss unserer vorherigen Absprache auf Papier zeichnen lassen. Die Serie von Zeichnungen, die dabei entstand, hat mich umgehauen... Dieses ganz ausserordentliche Zusammenspiel von Bewusstsein und Unbewusstem interessiert mich auch in der Kunst. Medizinische Experimente hatte ich übrigens auch in der Kunsthalle Bremen (1999) anlässlich meiner Nomination für den Kunstpreis der Böttcherstrasse präsentiert. Dort war es ein Selbstportrait in Röntgendurchleuchtung, wo sich mein eigenes Skelett durch den Einsatz von Kontrastmittel ein neues Gesicht verleiht... man sieht dabei meinen Schädel und die Handknochen, wie sie nach dem Kontrastmittel greifen und damit das Gesicht bemalen, wodurch die Hautoberfläche in der X-Ray-Aufnahme sichtbar wird und der Totenschädel ein veritables Gesicht bekommt.

 

CB: Zum Schluss möchte ich Ihre Eis-Büsten in einen kausalen Naturzusammenhang stellen. Falls die Prophezeiungen der Temperaturrekorde zutreffen sollten, legen Ihre Skulpturen quasi Rechenschaft über einen klimatischen Paradigmenwechsel ab, ihr Verfallsdatum verringert sich. Das Tropfen gleicht dem Ticken der Uhr.

 

FK: Das Ticken dieser Uhr wird heute zum Glück deutlicher und politischer wahrgenommen als vor 25 Jahren als ich meine ersten Körperformen eingefroren habe. Es ist genau dieses Ticken, das mich immer wieder antreibt, die Werk-Reihe weiterzuführen und in aktuellem Kontext und neuer Form zu zeigen. Das Werk wächst wie ein Mensch langsam in seinen Themenkreis und in seine Zeit hinein. Obwohl es auf den ersten Blick so äusserst vergänglich erscheint, bleibt es in seiner prozesshaften Haltung sehr vital und dauerhaft.


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