18. Februar - 02. April 2017

Ich nicht Ich / Das Selbstbild im digitalen Zeitalter

mit Werken von Tizian Baldinger, Jürgen Brodwolf, Niklas Goldbach, Tom Karrer, Franticek Klossner, Oliver Krähenbühl, Manon, Anuk Miladinović, Victorine Müller, Pat Noser, Andrea Nyffeler, Meret Oppenheim, Steven Schoch, Karoline Schreiber, Hannah Villiger, kuratiert von Claudia Waldner


Öffnungszeiten: Do 18-21 Uhr, Sa & So 11-17 Uhr

Klossner Franticek / Video Art / Kunsthaus Zofingen / Switzerland / Contemporary Art / Malte Homfeldt als Hermes in Generation Head Down

Begleitprogramm zur Ausstellung:

Mittwoch, 1. März 2017, 20.00 Uhr

Forum Kunsthaus Zofingen

mit Künstlern der Ausstellung

Gesprächsleitung: Claudia Waldner


Sonntag, 12. März 2017, 17.00 Uhr

Podiumsgespräch:

Das Selbstbild im digitalen Zeitalter

mit Franticek Klossner (Künstler), Manon (Künstlerin), Christine Guyer (Stadtrat Zofingen), Dr. Hans Albrecht Haller (Facharzt für Neurologie), Burkhard Kremer (Pfarrer Zofingen), Moderation: Alice Henkes (Kunsthistorikerin), Performance: Karoline Schreiber

Eintritt 25.-/20.- inkl. Apéro und Führung


Sonntag, 2. April 2017, 16.00 Uhr

Finissage und Katalogpräsentation



Franticek Klossner / Kunsthaus Zofingen / Aargau / Schweiz / Gegenwartskunst / Videokunst Sehnerv Berlin Bern / Generation Head Down / Kopf Unten / Kamera: Tom Bernhard / Eva Marianne Berger / Thimna Fink / Ben Gageik / Malte Homfeldt / Silvia-Maria Jung
Generation Head Down, Frantiček Klossner, Videoinstallation, Kunsthaus Zofingen, 2017, Mitwirkende: Eva Marianne Berger, Tom Bernhard, Thimna Fink, Marc-André Gasser, Ben Gageik, Malte Homfeldt, Silvia-Maria Jung, Videoproduktion: Sehnerv Berlin Bern

Generation Head Down

Für die Ausstellung im Kunsthaus Zofingen realisierte Frantiček Klossner eine Videoinstallation, die er explizit für den Festsaal im Obergeschoss des Kunsthauses konzipiert hat. Zur Ausstellungsthematik des "Selbstbildes im digitalen Zeitalter" hat der Künstler prominente Gäste eingeladen: Athene, Artemis, Niobe, der römische Kaiser Claudius und der Götterbote Hermes haben sich im Saal versammelt und reden unentwegt in ihr Smartphone. Die Büsten (Leihgaben der Antikensammlung der Universität Bern) werden durch Projektionsmapping mit Videoperformances von fünf Schauspielerinnen und Schauspielern zum Leben erweckt. Einer Technik, die der Künstler bereits 1996 (ebenfalls in Verbindung mit antiken Büsten) in seiner vielbeachteten Videoinstallation "Herstory and History" im Centre Pasquart präsentiert hatte und seither in Kombination mit vielen anderen skulpturalen Elementen stets verfeinert hat. Zwischen den historischen "Bildträgern" und den darauf projizierten Bildern der Gegenwart entsteht ein spannungsvolles Spiel von Überlagerungen, Deckungsgleichheiten, Abweichungen und Verschiebungen. Die Halbgötter treten "aus sich heraus", sie ruhen "in sich" und geraten "ausser sich". Das ununterbrochene Stimmengewirr, das von den fünf sprechenden Büsten ausgeht, liefert ein prägnantes Sinnbild für die vernetzte Kommunikationsgesellschaft in der wir uns befinden und für die stetige Verfügbarkeit des Individuums im digitalen Zeitalter: Always Online mit gesenktem Blick, fasziniert vom sozialen Netz, streicheln wir das Fenster zur globalen Ferne weit häufiger als unser Gegenüber. Wir sind "bei uns" und gleichzeitig "überall". In Frantiček Klossners Textcollagen plaudern die fünf Protagonisten unablässig von "Sich selbst in ihrer Welt", von einem vagen „Ich-Gefühl“ und von einem „Selbst“ das sich stets neu erfindet und optimiert. Alle reden "mit sich selbst", "von sich selbst", miteinander, gegeneinander und aneinander vorbei. Damit entwirft der Künstler ein äusserst sinnliches und listiges Bild der „Kopf Unten Generation“.

Schauspiel: Eva Marianne Berger, Thimna Fink, Ben Gageik, Malte Homfeldt, Silvia-Maria Jung

Videoproduktion: Sehnerv Berlin Bern, Kamera: Tom Bernhard, Media Engineering: Marc-André Gasser

Leihgaben: Antikensammlung der Universität Bern


Das Ich im Blick des anderen

Michael Flückiger, Zofinger Tagblatt, 15.02.2017

Wie gebannt starren sie in ihre Handys. Die Büsten der griechischen Götter Hermes, Artemis, Athene sowie der Königin Niobe und des römischen Kaisers Claudius haben im Kunsthaus Zofingen einen verlängerten Arm in die Gegenwart erhalten. Auch der virtuelle Arm der Smartphones reicht weit. Sie projizieren bewegte Gesichter auf die kühlen Marmor- und Gipsbüsten und wiederspiegeln damit, wie sehr heute Geräte zu Oberflächen des Selbst geworden sind. Ich telefoniere, surfe, whatsappe, smsle, like… also bin ich. Trotzdem reden die Figuren aneinander vorbei. Dass die Stimmen zeitweilen zum Kanon «Ich google mich... Du googelst dich... Wir googeln uns... » anschwellen, bestätigt nur deren reflexive Selbstbezogenheit. «Generation Head Down» nennt sich die raumfüllende multimediale Installation des Berner Künstlers Franticek Klossner im grossen Saal des Obergeschosses. In seinen Augen ist das Ich ein fluides, körperloses Selbst. In unserer mediatisierten Lebenswelt muss es sich durch stetes Tippen und Wischen stetig neu erschaffen und sich seiner selbst versichern.


Self-perception in the digital age

Extended Self in the Digital Age

Always online mit gesenktem Blick, fasziniert vom sozialen Netz, streicheln wir das Fenster zur globalen Ferne weit häufiger als das Gegenüber in unserer Nähe. Aus der Handfläche, aus der sich andere Generationen die Zukunft haben lesen lassen, spricht das Smartphone zu uns: Wir sind die „Head Down Generation“!

Von Medien durchdrungen, ertasten wir uns die Gegenwart zwischen realem Lebensraum und simulierter Realität. In fortwährender Rückkoppelung sind wir zeitgleich Sender und Empfänger an der Nabelschnur des globalen Versprechens. Die Sehnsucht nach Teilhabe lässt uns keine Ruhe. Getrieben von FOMO, der "fear of missing out", greifen wir im Minutentakt zum Display und vergegenwärtigen uns unsere Existenz. In Echtzeit teilen wir das Erlebte mit der ganzen Welt und hoffen auf Widerhall. Wir „liken“ uns, wir „googeln“ uns, wir „teilen“ und „zer-teilen“ uns. Das Bedürfnis nach Widerhall erinnert an „Echo und Narziss“ aus Ovids Metamorphosen: Ihrer Sprache beraubt, kann Echo nur das bereits Gesagte wiederholen. Sie „liked“ die Endungen von dem was Narziss zu ihr sagt. Gelangweilt von der Einseitigkeit des Gesprächs vertieft sich dieser in sein Spiegelbild und ertrinkt in seinen „Selfies“. Ovids Geschichte könnte sich auf Facebook zugetragen haben. Unsere Existenz benötigt Resonanz. Doch diese Resonanz bringt uns nur weiter, wenn sie reich an Fantasie und Neugier zur Selbstreflexion anregt. Im digitalen Raum werden wir von dem bestrahlt was wir selber bereits ausgestrahlt haben. Die unbewusste Projektion unserer Selbstbilder wird von ungleich mächtigeren Rückprojektionen beantwortet. Das Abbild, das wir von uns aussenden, wird als personalisierte Marktanalyse auf uns zurückgeworfen. Wer also seine Katze auf Facebook postet, muss sich nicht wundern, wenn es bei ihm bald „Katzen hagelt“. Indem wir den Suchmaschinen unsere Interessen anvertrauen, generiert sich die Daten-DNA, das Profil unserer Online-Präsenz, das uns im virtuellen Raum vorauseilt und unsere Fremdwahrnehmung prägt. Tausendfach registriert, verrät diese Online-Identität mehr über uns als uns lieb ist. Als analysierte Individuen werden wir zu Konsumenten degradiert. Die Rückprojektion der Selbstentwürfe zerlegt die Schritte unserer Individuation in Pixel und Bytes. In x-facher Zersplitterung versucht unser "Ich" sein "Selbst" zu bündeln und stellt sich täglich die Frage aus Richard David Prechts Bestseller: Wer bin ich ? ...und wenn ja, wie viele ?

(Text: Frantiček Klossner / Ausstellungskatalog / Ich nicht Ich / Kunsthaus Zofingen, 2017)


Your Body is a Touchscreen


X-Ray-Ček / Performance in Röntgendurchleuchtung

Das Skelett eines menschlichen Schädels, das sich lebhaft bewegt und uns aus seinen knochigen Augenhöhlen anschaut, wirkt beängstigend und irritierend. Leibhaftig ein Totenschädel, lebendig? Das unkonventionelle Selbstportrait ist in die klassisch anmutende Form eines Medaillons gefasst und verweist damit auf die Bildcharakteristik von Trauerschmuck aus den Nachkriegsjahren. Doch Frantiček Klossners Röntgen-Videoperformance ist ein Memento mori voller Selbstironie und spürbarer Lust am künstlerischen Experiment mit bildgebenden Medien aus der Medizin. Die beklemmenden Assoziationen werden deutlich kontrastiert von hintersinnigem Schalk und schwarzem Humor. Der Tod scheint uns sagen zu wollen, dass das Leben nach dem Tod genauso sinnlich und skurril ist, wie unsere widersprüchliche Existenz. / Text: Léonard Cuènoud, 2000

Die X Ray Videoaufnahmen entstanden am Institut für Radiologie und Nuklearmedizin der Universität Bern


Ich nicht Ich / Das Selbstbild im digitalen Zeitalter

Die Ausstellung im Kunsthaus Zofingen fokussiert aktuelle Fragen zur veränderten Selbstwahrnehmung im digitalen Zeitalter. Always Online mit gesenktem Blick, fasziniert vom sozialen Netz, streicheln wir das Fenster zur globalen Ferne weit häufiger als unser Gegenüber. Der mediatisierte gläserne Mensch ist Tatsache geworden, wie es die Philosophen Jean Baudrillard, Paul Virilio oder Vilém Flusser bereits in den 80er Jahren in ihren Thesen formuliert hatten. In fortwährender Rückkopplung wird das Abbild das wir von uns aussenden als Marktanalyse auf uns zurückgeworfen. "Der Spiegel des Narziss" ist ein Wirtschaftsfaktor. Die psychische und soziale Individuation wird zur Suchbegriffsoptimierung. Die Spuren der Selbstfindung bleiben unauslöschlich im digitalen Gedächtnis eingebrannt. Die stetige Vergegenwärtigung der eigenen Existenz durchdringt den gesamten Körper. Aus der Handfläche, aus der sich andere Generationen die Zukunft haben lesen lassen, spricht das Smartphone zu uns. In x-facher Zersplitterung versucht das "Ich" sein "Selbst" zu finden und stellt sich täglich die Frage aus Richard David Prechts Bestseller: Wer bin ich ? ...und wenn ja, wie viele ?

(Textauszug aus: Your Body is a Touchscreen, Franticek Klossner)

Kunsthaus Zofingen / Aargau / Gegenwartskunst / Video Art / Filmhaus Bern / Märchen: Franticek Klossner, Performance: Müslüm, Kamera: Tom Bernhard

Ich nicht Ich?  - Müslüm liest aus Frantiček's Märchensammlung - Das Märchen von der Authentizität 


Ali Baba und die 40 Kunstkritiker

Die surrealen Kurzgeschichten aus Frantiček's Märchensammlung, handeln von wahren und unwahren Begebenheiten in der Unterwelt der zeitgenössischen Kunstszene. Fantasiewelten und biografisch Erlebtes verflechten sich zum hintersinnigen Erfahrungsbericht eines Direktbetroffenen. Das am eigenen Leib erlebte, wird schonungslos offenbart. In der Ausstellung im Kunsthaus Zofingen werden Frantiček's Märchen in einer ersten Videofassung (von 2013) vom Musiker und Comedian Müslüm gelesen.

Müslüm liest aus Frantiček's Märchensammlung zur Gegenwartskunst: Ali Baba und die 40 Kunstkritiker

Produktion: Sehnerv Bern Berlin,  Performance: Semih Yavsaner, Kamera: Tom Bernhard, Ton: Janosch Röthlisberger, Maske: Sinem Yavsaner


Alice Henkes / Kunstbulletin 2013

Klossner gelingt es, über poetische Bilder politische Themen zu verhandeln. Gern geht er die Mechanismen der Kunstwelt auch mit entlarvend frechem Witz an. In seinen Märchen, die er in einem Video vom Komiker Müslüm lesen lässt, durchleuchtet er die Gesten von Künstlern, Kritikern und Kuratoren. Mit Schalk knackt er deren Attitüdenpanzer und zeigt so, dass es ihm, wie jedem, der Satire mit Bedacht betreibt, sehr ernst ist mit der Kunst.


Aktuelle Kunst / Sehnerv Berlin Bern

Klossner Frantiček

Kunsthaus Zofingen Aargau Gegenwartskunst